Reclaiming in Deutschland

Wie alles begann – die ersten 10 Jahre

von Donate Pahnke McIntosh 2018

Danke, Donate, dass wir diesen Text hier auf unserer Seite veröffentlichen dürfen. Arkuna hat dabei nämlich eine nicht unwichtige Rolle gespielt!
Wenn Ihr Euch für Reclaiming Deutschland interessiert, geht es hier weiter. Und direkt zu Donate hier.

Den folgenden Text habe ich auf der Grundlage meiner persönlichen Aufzeichnungen geschrieben. Mein Leben lang hatte und habe ich die Gewohnheit, Ereignisse, die für mich wichtig sind, so genau wie möglich aufzuschreiben. Auf diese Weise habe ich viele dicke Ordner voller Texte, auch über Reclaiming, und ich muss sagen, es macht richtig Spaß, aus dieser Quelle zu schöpfen, um anderen, die nicht dabei waren, etwas ex illo tempore (aus den alten Zeiten) zu erzählen! Natürlich spiegelt dieser Text nur meine eigene, persönliche Sichtweise wider und Andere würden vielleicht ganz anders berichten, das ist unvermeidlich.

Einen herzlichen Dank an Faye und die anderen Hüterinnen des neuen Reclaiming-Forums für die Einladung zur Mitwirkung am Lagerfeuer alter Hexen!

1987 – Starhawk-Workshop im Arkuna

Natürlich hatte ich Starhawks Buch Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin gelesen. Aber ich muss gestehen, dass es mich zunächst nicht sonderlich beeindruckte. Es waren die Anfangsjahre der spirituellen Frauenbewegung in Deutschland, und zu dieser Zeit konnte man noch sämtliche verfügbaren Bücher über die Göttin kennen. Nichts im Vergleich zu der Flut an Büchern späterer Jahre! Starhawks Buch war für mich erstmal nichts weiter als „noch so’n Wicca-Buch“, ziemlich Gardner-orientiert, fand ich. Wir feierten in dieser Zeit schon regelmäßig Rituale, aber niemals wären wir auf die Idee gekommen zu sagen: „Heil euch, Wächter der Türme im Osten!“ Wieso Türme? Wieso Wächter? Und überhaupt, in Deutschland „Heil!“ zu rufen, hätten wir voll daneben gefunden. Ich ließ das Buch also zunächst links liegen. Erst Monate später ging mir auf, was für einen Schatz an Übungen und Anleitungen es enthielt.

Ich war schon seit langem auf der Suche nach „meiner“ spirituellen Tradition. Eine ganze Reihe von Göttinseminaren, Hexenworkshops und matriarchalen Jahresfesten hatte ich besucht, aber es war nie das Richtige dabei gewesen. Vieles war schön, manches ziemlich furchtbar, aber nicht ein einziges Mal war ich mit dem Gefühl nach Hause gefahren, spirituell satt geworden zu sein.

Das änderte sich, als ich Starhawk im Mai 1987 persönlich kennenlernte. Es war ihr Workshop „Frauenmysterien“, organisiert von der Analytikerin Barbara Gissrau und dem Arkuna-Zentrum in Stuttgart. Meine Teilnahmebestätigung habe ich aufbewahrt: 22.-24.05.1987, 250 DM – so waren die Preise damals!

Die Unterkunft war inklusiv, es standen Matratzen und Matten im Arkuna-Seminarraum zu Verfügung, Schlafsack musste man mitbringen. Ich hatte Glück: Als ich ankam, waren alle Schlafplätze schon vergeben und ich durfte in Barbaras Sprechzimmer auf der Klientencouch schlafen, was sehr bequem war. Wir waren eine fröhliche Gruppe von Frauen in Aufbruchsstimmung: Die Göttinbewegung war ja noch ganz neu und frisch, und jetzt sollte es also losgehen mit der Hexenreligion in Deutschland! Ich bin dem Arkuna-Zentrum und vor allem Barbara Gissrau unendlich dankbar dafür, dass sie dieses initiale Zeichen gesetzt haben. [Später wurden Barbara und ich dann enge Freundinnen, haben viel miteinander unternommen, und als sie 2008 starb, leitete ich auf ihren eigenen Wunsch die Trauerfeier.]

In diesen Workshop brachte Starhawk schon alles mit, was für Reclaiming so typisch war und noch immer ist: Viele Lieder, hervorragende Übungen, fundierte thealogische Unterweisung, tiefe Trancearbeit und sehr viel Humor! Schon nach kurzer Zeit wusste ich, dass ich „meine“ Lehrerin gefunden hatte. (Über meine Lehrjahre bei Starhawk habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Being a Good Pagan. Magische Lehrjahre bei Starhawk, erhältlich auf meiner Publikationsseite Vanadis-Texte.)

Und dies waren die Lieder, die wir sangen:

  • Heilige Jägerin Artemis
  • Luft ich bin
  • Göttin, komm zu uns
  • Ich bin ein Kreis, ich heile dich
  • Sie wandelt alles, was sie berührt
  • Alte Mutter, ich hör‘ dein Rufen

Das Tönen, Singen und Chanten habe ich von ganzem Herzen genossen. Endlich, endlich gab es passende Ritualmusik! Danach hatte ich lange gesucht. (All diese Lieder und noch viele mehr stehen in meinem Ritualliederbuch Wir sind ein Kreis. Die schönsten Rituallieder in deutscher Sprache.)

Wir lernten alle Grundlagen, die auch heute noch im Reclaiming-Ritual praktiziert werden: Die Erdung, das Kreisziehen, die Anrufungen (zu meiner Erleichterung übrigens völlig ohne Heil!, Wächter und Türme), die Bedeutung der Trancearbeit. Übrigens hieß es damals noch „Im Namen der Erde, die ihr Körper ist“. Die Umformulierung zu „Bei der Erde, die ihr Körper ist“ wurde erst in späteren Jahren vorgenommen.

Workshop in BremenBild von Starhawk beim Workshop in Bremen

Witzigerweise stellte sich auf diesem Workshop heraus, dass Starhawk ganz kurz darauf einen weiteren Workshop in Deutschland halten würde. Wo? In Bremen! Meiner Heimatstadt! Ich konnte es kaum fassen, und natürlich meldete ich mich sofort an.

Schon zwei Wochen später sahen wir uns in Bremen wieder. Starhawks Gastgeberin Salima, die den Workshop organisiert hatte, brachte sie zu einem Besuch bei mir, und bei Kräutertee und Kaminfeuer entwickelte sich das erste von vielen langen, tiefgehenden Gesprächen über die Göttin, die pagane Welt und die Reclaiming-Community. Diesem Gespräch sollten in den darauffolgenden Jahren noch viele weitere folgen.

Der Bremer Workshop lief vom 5.-7. Juni 1987. Im Unterschied zum Stuttgarter Workshop war er auch offen für Männer (wir waren ca. 20 Frauen und 6 Männer). Zwei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Die Ermutigung zur Freiheit im Ritual und die beeindruckende Professionalität, mit der Starhawk eine Gruppenkrise managte.

Zur Freiheit im Ritual sagte Starhawk:

„Ich werde euch einiges vorschlagen zu tun, aber wenn es sich für euch nicht richtig anfühlt, dann lasst es. Rituale werden erst interessant, wenn ihr das, was in euch ist, herauslasst. Einige sind geborene Schauspieler: umso besser, sie liefern gute Unterhaltung für die anderen. Andere sind eher introvertiert, das ist auch gut, sie helfen die Energie zu zentrieren und zu halten. Im Ritual bekommst du vielleicht Impulse, etwas zu tun. Tu was du willst, auch wenn niemand anderes es tut, auch wenn Starhawk nicht dazu aufgefordert hat, es zu tun. Sag der inneren Meckerstimme shut up. Und wenn du Hilfe brauchst, sag es.“

Ich empfand diese Worte als große Erleichterung, nachdem ich teilweise in anderen Workshops recht bittere Erfahrungen mit der strengen Forderung nach unkritischem Sich-einfügen gemacht hatte. Wie wunderbar, ein großes Stück Handlungsfreiheit zu bekommen! Allerdings sollte sich dann herausstellen, dass solche Freiheiten auch missbraucht werden können. Das Problem in diesem speziellen Fall waren die Männer. Sei es aus Gewohnheit, sei es, weil ihnen die zahlenmäßige Unterlegenheit in der Gruppe zu schaffen machte, sei es, weil sie der Gelegenheit zur Selbstdarstellung nicht widerstehen konnten: Die Männer nervten ohne Ende. Wurde die Gruppe aufgefordert zu tönen, brüllten sie wie röhrende Hirsche. Bei jeder Übung mussten sie sich lautstark hervortun. Auch die Trancearbeit wurde immer wieder durch ihr lautes Verhalten gestört. Sie dominierten die Gruppenenergie in einer Weise, die tiefes Arbeiten unmöglich machte. In vielen Frauen staute sich ein Zorn auf, der nicht verborgen bleiben konnte. So konnte es nicht weitergehen, und ich war gespannt, wie Starhawk damit umgehen würde. Was sie dann tat, war genial.

Sie forderte uns auf, uns in zwei Reihen gegenüberzustellen: hier die Frauen, dort die Männer. Die Frauen riefen den Männern zu, was sie an deren Verhalten kränkte, störte, belastete, und welche Folgen es für sie hatte. Die Männer antworteten teilweise mitfühlend, überwiegend aber beleidigt, gekränkt, zynisch, verteidigend, konfus. Es gab keinerlei Verständigung. Auf Anordnung von Starhawk durften dann ausschließlich die Frauen sprechen, die Männer durften nur zuhören. Es war dramatisch, die Reaktionen der Männer zu beobachten. Einige liefen knallrot an, andere wurden ganz blass. Danach waren die Männer dran und die Frauen mussten schweigen. ABER: Die Männer durften keine Worte benutzen, sondern mussten sich ausschließlich mit Körpersprache ausdrücken. Die normale Ordnung war auf den Kopf gestellt: Die Frauen hatten das Sagen und die Männer waren auf ihren Körper reduziert. Keine ihrer üblichen Verhaltensweisen war mehr möglich, weder Angriff noch Verteidigung. Sie waren auf sich, ihre Gefühle und ihren Körper zurückgeworfen. Das hatte wiederum den Effekt, dass die Frauen wirklich zu“hörten“. Die Energie verwandelte sich: Sie wurde ruhiger, weicher und offener. Viele in der Gruppe weinten, Frauen wie Männer.

Was dann kam, verblüffte mich noch mehr. Starhawk trat zu mir und fragte mich, was meiner Meinung nach jetzt passieren sollte. Vielleicht war für sie die Gruppenenergie schwerer zu lesen, weil sie die deutsche Sprache nicht verstand? Ich war überrascht und berührt, dass sie mich fragte, und antwortete, was mir spontan einfiel: „Wir sollten etwas Sanftes, Zentrierendes und Heilendes tun.“ So geschah es. Wir taten uns in vier kleinen, stehenden Kreisen zusammen, drei Frauenkreise und ein Männerkreis. Wir legten die Arme umeinander, atmeten, weinten, tönten zusammen, wiegten uns, streichelten uns. Nachdem sie uns dafür viel Zeit gelassen hatte, griff Starhawk zur Trommel und trommelte uns in einen freien, wilden Tanz hinein, der am Ende sehr laut und ekstatisch wurde. Mit dem Schweiß lief jeder Rest von Anspannung aus uns hinaus. Dann sammelte uns Starhawk in einen Spiraltanz zu dem Lied Wir sind ein Kreis in einem Kreis. Der Tanz endete in einem großen Kraftkegel, der von einer ruhigen Erdung gefolgt wurde. Danach ging’s uns allen besser.

Zum ersten Mal hatte ich erlebt, wie sich eine konflikthafte Kreisenergie in einen anderen, besseren Zustand transformieren ließ, ohne dass es Sieger und Verlierer gab. Ich habe diese Lektion nie vergessen und mich in manch einer späteren schwierigen Situation daran erinnert.

WEITERLESEN – 1988 Starhawk auf Burg Stettenfels

 

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