Rückblick und Ausblick zum 25. Arkuna-Jahr


In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts ist landauf, landab - einem Flächenbrand gleich - die Empörung der Frauen aufg
eflammt. Irgendwie war die Situation ein bißchen wie jetzt gerade, wo die Protestbewegung gegen S 21 täglich neue Dimensionen erreicht. Plötzlich war damals in das kollektive weibliche Bewusstsein getreten, wie skandalös die Lage der Frauen in der alten Bundesrepublik wirklich war. Beispielsweise durfte eine Frau ohne Erlaubnis ihres Ehemannes nicht berufstätig sein. Die Ehefrau musste ihrem Ehemann sexuell zu willen sein - und - falls sie das nicht wollte, war Vergewaltigung in der Ehe erlaubt. Dafür wurde der Abbruch einer Schwangerschaft mit Gefängnis bestraft. Das alles war geltendes Recht. Darüber hinaus war der Alltag von Frauen in der alten BRD von zahllosen Diskriminierungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens bestimmt.
In dieser Situation wurde die Frauenbewegung innerhalb kurzer Zeit richtig stark. In allen größeren Städten waren Frauenzentren gegründet worden. Frauenbuchläden, Frauenverlage, Frauenkultur- und -bildungseinrichtungen sprossen aus dem Boden. Ganz wichtig waren die Frauenhäuser: ein markantes Signal dafür, dass Gewalt in der Ehe nicht mehr hingenommen wurde, und auch erstmals gesellschaftlich sichtbar gemacht wurde. Die Frauenzentren vernetzten sich bundesweit und erschufen die organisatorische Basis für die Massendemos gegen den § 218. Weibliches Denken, verbunden mit weiblicher Liebe zum Leben gab darüber hinaus der gerade im Entstehen begriffenen Friedens- und auch der Ökobewegung ihre Dynamik.


Im Windschatten dieser politischen Stürme und genährt von einem unbändigen Wissensdrang, jetzt aber auch wirklich alles einer kritischen Revision zu unterziehen, wurde von Frauen an den unterschiedlichsten Orten Frauengeschichte ins Blickfeld genommen. Und unzählige Spurensucherinnen republikweit entdeckten irgendwie zeitgleich das Leid der Frauen, die als Weise Frauen und Hexen verfolgt und ermordet worden waren. Und entdeckten das patriarchale Gottesverständnis als eine der Wurzeln der herrschenden Frauen-und Lebensfeindlichkeit. Plötzlich erschien es irgendwie abartig, was immer als das Selbstverständlichste galt: Dass das Göttliche quasi von Natur aus nur männlich sein kann, dass spirituelle Praxis männlicher Leitung bedarf, dass Rituale stets vorgegeben sind und niemals ein Gegenstand weiblichen Experimentierens sein könnten. Es begannen inspirierende Entdeckerinnenreisen in vorpatriarchale Kulturen. Frauen forschten, lasen Buch um Buch, tauschten sich aus. Hoben Schätze ans Licht über Zivilisationen, die lange vor der Patriarchalisierung der Welt blühten. Und je mehr mutterrechtlich organisierte Kulturen gefunden wurden, desto mehr wuchs die Begeisterung.
Und irgendwie wurde ganz im Stillen eine neue Würde, eine neue Identität geboren.
Die Entdeckung, dass über die längsten Zeiträume der menschlichen Geschichte hinweg das weibliche Prinzip, die Große Mutter, das Herz, die Mitte und der Zusammenhalt der Gemeinschaften war, und dass Frauen als Inkarnation dieses weiblichen kosmischen Prinzips spirituelle, soziale und politische Autorität innehatten, diese Entdeckung war ein Quantensprung.
Diese Entdeckung schenkte uns die tiefe, ja existenzielle Ermächtigung, uns diese Autorität wieder anzueignen.


Genau in dieser Zeit des Aufbruchs, der großen Hoffnung und der Visionen haben wir Arkuna gegründet. Das Ende des Patriarchats schien bereits nahe. Aber wir waren auch geblendet von Wunschdenken: Wir haben geglaubt, die Welt würde zu einem freundlicheren Ort, wenn Frauen Macht haben. Das war ein Irrtum. Wir haben geglaubt, dass wir, weil wir in einem Frauenkörper leben, selbstverständlich weibliche Werte verwirklichen können, ohne diese erst lernen und einüben zu müssen. Das war eine Illusion.
Heute 25 Jahre später haben Frauen deutlich mehr Einfluss - im Guten wie im Argen. Frauen können alles und tun auch alles. Frauen können Bundeskanzlerin sein, Wissenschaftlerin, Amokläuferin. Sie können militärische Einsatzkommandos bei den neuen geostrategischen Kriegen führen. Alice Schwarzer kann für die Bildzeitung arbeiten. Frauen tun alles, was Männer tun. Nur: profitieren tut vom Zugewinn an weiblichem Einfluss zwar die individuelle Frau, profitieren tut die Wirtschaft. Seltener geschieht es, dass die Welt dadurch freundlicher wird. Der Marsch durch die Institutionen hat vor allem die Frauen verändert, und nicht so sehr das System.
Zeitgleich mit der Zunahme individueller Stärke von Frauen ist die Frauenbewegung von der Oberfläche verschwunden. Und das weibliche Prinzip ist im Ganzen am Verkümmern. Der Staat als ein sorgender, mütterlicher Staat ist ein Auslaufmodell. Die Verachtung gegenüber Müttern, die nicht berufstätig sein wollen, nimmt zu. Inzwischen gilt als unpädagogisch, Zweijährige in Kitas beim Essen zu unterstützen. Stattdessen sollen die Erzieherinnen sie fordern und zu Einsteins trimmen. Tätigkeiten, die pflegen, betreuen, sorgen, reparieren, aufräumen und die Dinge schöner machen, sind schlecht bezahlt und werden wegrationalisiert. So verwahrlosen Räume und Systeme. Am gesellschaftlichen Rand verkommen gewollt ganze soziale Milieus. Nichtpatriarchale Lebensformen sind weitgehend ausgerottet.


Auch in uns selbst, in unserem Inneren bleibt das Weibliche angefochten. Um Kariere zu machen, müssen wir aggressive, narzistische und rivalisierende Muster nähren. Diese sind zwar inzwischen gesellschaftlich normal, aber sie entfremden uns von uns selbst und von anderen. So kommt auch uns Frauen im Lebenskampf des High-Tech-Kapitalismus die weibliche Seele oft schleichend abhanden. Patriarchale Strukturen in uns selbst zu verändern, hat sich als genau so anspruchsvoll und als genau so langwierig herausgestellt, wie diese auf gesellschaftlicher Ebene zu überwinden.
Aber: In dieser unübersichtlichen und auch konfliktreichen Zeit gibt es kleine Inseln, von denen aus diese Entwicklungen aufmerksam und kritisch wahrgenommen werden, und Arkuna ist eine dieser kleinen Inseln geblieben. Durch Arkuna und durch viele andere Frauenprojekte leben weibliche Werte weiter, wirken unsichtbar. So stärken die übriggebliebenen Frauenprojekte nicht nur einzelne Frauen, sondern das Weibliche Prinzip in uns allen und in der Welt. Und darauf gründet meine Hoffnung.
Und da ist in diesen 25 Jahren unter der Oberfläche viel geschehen. Frauenprojekte wie Arkuna sind trotz allen Begrenzungen wie ein Kraftfeld der Großen Göttin. Ein Entwicklungslabor weiblicher Werte. Eine Quelle der Inspiration und Ermutigung. Hier entwickeln Frauen den Mut, ihren einzigartigen Weg zu gehen. Hier vernetzen sich Frauen miteinander, schenken einander Unterstützung, Zuspruch, Anerkennung. Gestärkt durch dieses Kraftfeld nehmen Frauen ihren Platz in der Welt ein als verwurzelte Frauen. Und dieses Verwurzelt-Sein macht den Unterschied. Frauen verbinden ihr Wissen mit ihrer inneren weiblichen Weisheit. Und dieses Verbinden macht den Unterschied. Leben innere Unabhängigkeit mit einem hohen Maß an Bezogensein und Verantwortung. Und dieses in der Verantwortung gegründet sein macht den Unterschied.
Im Kraftfeld der Großen Mutter lernen wir, Verschiedenheit nicht nur als eine Bedrohung, sondern auch als eine Bereicherung zu empfinden. Verwirklichen im Beruf und wo wir Einfluss haben, unbeirrbar weibliche Werte, weiblichen Geist. Lassen uns durch weibliche Mythen und Bilder dessen, was uns heilig ist, ermächtigen, stärken und heilen. Leben sehr kreativ und eigenmächtig weibliche Spiritualität. In diesem Kraftfeld sind wir Frauen aufs innigste verbunden mit unseren nichtmenschlichen Geschwistern auf dieser Erde. Setzen uns - auch jetzt im Protest gegen S 21 - total engagiert für Mutter Erde ein.


Ganz im Stillen ist unter der Oberfläche so viel gewachsen. Und Arkuna gehört zu den Orten, die den Rahmen dafür geschaffen haben.
Für uns Arkunafrauen ist es das schönste Geburtstagsgeschenk, dass Ihr alle, die Ihr mit uns zusammen mit euren bunten Lebensfäden dieses Kraftfeld der Großen Göttin habt werden lassen, dass Ihr heut da seid und mit uns feiert! Lebendig, vielfältig und "irdisch schön!" (Zitat von der Frauenband Zinnober)
Das ist mein Geburtstagswunsch für Arkuna: dass noch viele Räume entstehen, in denen das Weibliche Prinzip, die weibliche Weisheit, buchstabiert, erforscht, gelehrt und gelebt wird. Und dass das Gelebte unter der Oberfläche weiter gedeiht, bis es die Stärke hat, wieder aufzusteigen auf den Schauplatz der Welt.
Und die Große Vielfaltige Göttin, das Weibliche Prinzip, Menschen, Entscheidungen und Strukturen in dieser Welt sichtbar neu beseelt.


So sei es!

Avesta